Quälgeister und Nervensägen

Monster im Supermarkt

So niedlich die Kleinen sonst sind, im Supermarkt mutieren sie ab und an zu Nervensägen und kleinen Monstern. Kaum haben sich Mutter oder Vater umgedreht, ist das Kind verschwunden. Die Eltern geraten in Panik. Zu Recht: Hinter der nächsten Ecke wartet das Kleine mit seinem Berg von Wünschen, die es innerhalb kürzester Zeit aus den Regalen gezogen hat. "Mama, bekomm ich das ... und das hier?" "Bei einer Bitte kann ich ja mal ein Auge zudrücken", denkt die Mutter seufzend. Doch sie ahnt schon, dass es nicht bei dieser einen Sache und bei diesem einen Mal bleiben wird. Schon bald ist der Moment erreicht, in dem ein kategorisches "Nein!" erfolgen muss, und die Mutter umgehend mit den Folgen ihrer Entscheidung konfrontiert ist: Die ausgelöste Schreiattacke des Kindes zieht zahllose Blicke an, das Kind hat sich innerhalb von Sekunden vom kleinen Schatz zum großen Quälgeist verwandelt. Es wirft sich auf den Boden, strampelt, tritt und wehrt sich gegen jede Art der Zuneigung. Die Leute im Laden schauen vorwurfsvoll oder bemitleidend: "Na, wie hat die denn ihr Kind erzogen?" Oder: "Zum Glück ist das nicht mein Kind!" Jetzt hilft nur, Ruhe bewahren und sich nicht erpressen lassen, sonst "lernt" das Kind, dass es alles bekommt, wenn es nur ausgiebig genug tobt. Einfach zurück zu schreien löst das Problem genauso wenig, im Gegenteil.

Immer mehr Kinder sind verhaltensauffällig

Das schwierige und verhaltensauffällige Kind. Ein Einzelfall? Mitnichten. Immer mehr Kinder fallen zu Hause, in Kindertagesstätten und Schulen oder in der Freizeitgruppe und im Sportverein durch unruhiges und aggressives Verhalten auf, haben Ängste und sind unkonzentriert. Schnell fällen Ärzte oder andere Fachkräfte ihr Urteil: ADHS oder ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom mit und ohne Hyperaktivität).

Doch die typischen Auffälligkeiten – ein Übermaß an Aktivität, Konzentrationsschwäche – können auch bei anderen Störungsbildern oder Belastungssituationen auftreten, so bei bisher nicht bemerkten Schlafstörungen. Es ist wichtig, den Blick nicht nur auf das Kind zu richten, sondern auf das gesamte familiäre und soziale Umfeld. Vielleicht hat das Kind ungelöste Konflikte mit Gleichaltrigen, fühlt sich im Unterricht über- oder unterfordert (siehe Lernprobleme) oder die Eltern lassen unwissentlich wichtige Bedürfnisse ihres Kindes unberücksichtigt, zum Beispiel das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und gemeinsamer Zeit oder das Bedürfnis nach Grenzen und klaren Regeln (siehe Zeit für Kinder).

Ein Kind kann viele Gründe haben, warum es sich wie ein Quälgeist oder eine Nervensäge verhält. Doch sicher nicht, weil es bösartig ist und seine Eltern ärgern will, sondern in der Regel, weil es Aufmerksamkeit möchte. Dieses Wissen hilft Vätern und Müttern, ihr Kind besser zu verstehen und in schwierigen Situationen die Nerven zu behalten. Es ist auch die Voraussetzung dafür, nach den Ursachen zu forschen und dem Kind und sich selbst zu helfen, wenn nötig mit Unterstützung des Kinderarztes, einer Beratungsstelle oder Selbsthilfegruppe oder auch über das Jugendamt.

Die Entwicklungspsychologische Beratung (EPB) für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern kann Eltern dabei stärken, eine sichere Bindung aufzubauen. Eine sichere Bindung gilt als optimale Startbasis für das ganze Leben.

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