Häusliche Gewalt

Wenn ein Kind Gewalt in der eigenen Familie erlebt

Peter verkriecht sich unter die Bettdecke. Er zittert am ganzen Körper. Gerade war er am Einschlafen, da fing es wieder an. Laute Stimmen, die Eltern streiten. Peter hört es klatschen und weiß: Nun schlägt der Vater wieder zu. Seine Mutter wimmert. Er weiß, er müsste ihr helfen, aber er traut sich nicht. Vor Wut über seine eigene Feigheit und Ohnmacht beißt er sich auf die Lippen, bis er Blut schmeckt. Warum nur? Was macht er falsch, dass der Vater immer so entsetzlich wütend wird?

Morgens sieht Peter die Mutter bleich am Herd stehen und erlebt, wie sie ihm teilnahmslos das Frühstück bereitet, wie sie den Kopf wegdreht, damit er ihre Verletzungen nicht entdeckt. Er sieht die rote, geschwollene Wange trotzdem und erschrickt. Beide haben keine Worte. Dann schleicht er unausgeschlafen und aufgewühlt in die Schule.

Wie Peter geben sich viele Kinder die Schuld daran, dass in ihrer Familie Gewalt herrscht. Sie denken, wenn sie nur alles richtig machten, würden die Eltern sich nicht streiten und der Vater nicht so aggressiv werden; könnte es so schön zuhause sein.

Häusliche Gewalt umfasst alle Formen physischer, sexueller und/oder psychischer Gewalt in Partnerschaften.Häusliche Gewalt ist abzugrenzen von Streitereien, die in jeder Partnerschaft auftreten und bei der sich die Partner gleichwertig gegenüber stehen. Bei Häuslicher Gewalt gibt es immer ein "Oben" und ein "Unten", "Gewinner" und "Verlierer". Einer der Partner erhebt sich über den anderen, indem er nicht vor Gewaltanwendung zurückschreckt oder diese sogar mit Absicht einsetzt. Die erlittenen Schläge, Diskriminierungen und Beleidigungen lösen nicht nur beim unmittelbar betroffenen Opfer, sondern auch bei Kindern, die dies miterleben, Gefühle der Hilflosigkeit aus. Opfer und Kinder fühlen sich ohnmächtig, klein und wertlos.

Häusliche Gewalt ist ein hoher Risikofaktor für Kindeswohlgefährdung

Wenn zuhause Gewalt zwischen den Erwachsenen herrscht, geraten in einer Vielzahl der Fälle Kinder in die Auseinandersetzungen hinein. Oft versuchen sie, ihre Mutter vor der Gewalt des Mannes zu schützen oder sind, z. B.  auf dem Arm der Mutter, unmittelbar selbst von Gewalt betroffen. Darüber hinaus sind bei Häuslicher Gewalt die Kinder häufig selbst einem erhöhten Misshandlungsrisiko ausgesetzt. Kinder erleben in zahlreichen Fällen von Partnerschaftsgewalt direkte körperliche und/oder seelische Misshandlungen (siehe auch Erkennen von Kindeswohlgefährdung).

Doch auch in den Fällen, bei denen Kinder körperlich unversehrt bleiben, sind sie niemals nur Zeugen, sondern immer auch Leidtragende. In verschiedenen Untersuchungen wurde festgestellt, dass das Miterleben von Partnerschaftsgewalt massive Auswirkungen auf die betroffenen Kinder hat und deren Entwicklung in erheblichem Ausmaß beeinträchtigen kann. Das Miterleben von Gewalt wirkt auf das Kind einschüchternd, beängstigend, beschämend und in seinen sozialen Kontakten einschränkend bis völlig isolierend. So antwortet der kindliche Körper mit Symptomen gesundheitlicher Schädigung, Entwicklungsverzögerungen im kognitiven oder motorischen Bereich sowie Störungen im sozialen Verhalten. Die Kinder reagieren nach außen erkennbar u. a. mit aggressivem, grenzverletzendem, selbst- und fremdverletzendem, introvertiertem und/oder depressivem Verhalten, mit Suizidalität, Schlaflosigkeit, Unkonzentriertheit und Schreckhaftigkeit (siehe auch Folgen von Kindeswohlgefährdung).

Mutter und Kind Hilfe anbieten – niemals den Gewalttäter konfrontieren

Freunde, Verwandte oder Nachbarn, die beobachten, dass ein Mann seine Frau misshandelt oder, dass ein Kind dabei verletzt wird oder allein durch sein Miterleben der Gewalt verstört, aggressiv oder zurückgezogen reagiert, wollen helfen, wissen aber oft nicht wie. Fachleute warnen eindringlich davor, den Täter mit den Beobachtungen zu konfrontieren und ihn auf die häusliche Situation anzusprechen. Wichtig ist, der Frau unmittelbar Unterstützung darin zu geben, sich und ihr Kind aus dem Gefahrenbereich zu bringen. Opfer von Partnerschaftsgewalt sollen behutsam auf die häusliche Situation angesprochen werden. Die Frauen reagieren oft zuerst abwehrend und bagatellisierend. Aus Scham und einem Gefühl der Abhängigkeit heraus zögern viele Frauen, sich selbst Hilfe zu holen und setzten damit natürlich auch ihre Kinder weiterhin dieser Gewalt aus. Deshalb sei die Unterstützung von außen so wichtig.

Unterstützung finden Opfer Häuslicher Gewalt sowie besorgte Freunde, Verwandte oder Nachbarn insbesondere bei Frauenberatungsstellen und Frauenhäusern sowie bei den Interventionsstellen.Darüber hinaus erfahren Frauen und ihre Kinder auch in Frauenzentren niedrigschwellige Beratung, Betreuung und Unterstützung. Die Hilfsmöglichkeiten des WEISSEN RINGS sind vielfältig und werden in jedem einzelnen Fall auf die besondere persönliche Situation des Opfers abgestimmt.

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